Buurtzorg

Das Modell Buurtzorg wurde 2007 von Jos de Blok – Holländer und selber Pflegekraft – ins Leben gerufen. Ins Deutsche übersetzt bedeutet „Buurtzorg“ – „Nachbarschaftshilfe“
Nach dem Motto „Menschlichkeit vor Bürokratie“ soll der Zupflegende wieder im Mittelpunkt der tatsächlichen Arbeit stehen und das Ziel verfolgen „Wahrung der Eigenständigkeit und Unterstützung der Unabhängigkeit“ (je nach Möglichkeit auch von der Pflege) verfolgen .

Das Modell zeichnet sich dadurch aus, dass es ausschließlich aus autark organisierten Pflegeteams besteht und sich auch innerhalb der eigenen Reihen ohne Leitungsposition in einem Rollenmodell arbeitet. Es gibt lediglich 50 Mitarbeiter im Backoffice, die für die Abrechnung der Kunden und Mitarbeiter zuständig sind. Alle andere Art der Verwaltung und Organisation werden von jedem individuell aus dem Pflegeteam übernommen – Beispielsweise Absprachen und Art und Umfang von Arbeitszeiten, Urlaubsplanung, etc.

Einen hohen Wert haben die Präventionsarbeit und die Förderung der Selbstpflege. Zentral ist dabei der Aufbau eines breiten lokalen Unterstützungsnetzwerkes der Pflegekräfte rund um ihre Klienten unter Einbeziehung von Sozialarbeiter, Ärzten, Nachbarschaftshilfe, etc.

Zusammenfassend besteht das Modell aus vier Phasen, die berücksichtigt werden müssen.

„Der erste Schritt ist dabei die Beratung und Begleitung der Klienten dahin gehend, wie sie selbst dazu beitragen können, ihre Unabhängigkeit zu erhalten oder wieder zu erlangen. Eine qualifizierte und dokumentierte Pflegeplanung ist hierbei selbstverständlich und unerlässlich.

Der zweite Schritt ist der Aufbau eines informellen Netzwerkes, bestehend aus Familienangehörigen oder Nachbarn und Freunden. Es kommt oft vor, dass sie erfolgreich in die tägliche Betreuung mit einbezogen werden. Es wird von Fällen berichtet, in denen es Buurtzorg MitarbeiterInnen mit der Methode der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg gelungen ist, zerstrittene Familien wieder zusammen zu bringen.

Die dritte Ebene der Betreuung umfasst die tatsächlichen pflegefachlichen Tätigkeiten, die vom zuständigen Buurtzorg-Team geleistet werden.

Als vierter Schritt erfolgt der Aufbau, die Pflege und die Koordination eines stabilen verlässlichen formalen Netzwerkes bestehend aus Hausarzt, Spezialisten (z.B. Physiotherapeuten), Apotheke, Krankenhaus, und ggf. anderen lokalen und überregionalen Diensten (z.B. Dialyse), die Patienten in Anspruch nehmen.“ (vgl. www.buurtzorg-in-deutschland.org)

„Im Wesentlichen ermächtigt das Programm Pflegekräften alle pflegerelevanten Tätigkeiten zu erledigen, die der Patient braucht. Und während das höhere Kosten pro Stunde bedeutet hätte, war das Ergebniss bei einer Untersuchung der Wirtschaftlichkeit, dass insgesamt weniger Stunden benötigt wurden. Durch die Änderung des Betreuungsmodells hat Buurtzorg eine 50-prozentige Reduzierung der Betreuungsstunden, eine verbesserte Qualität der Betreuung und eine höhere Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter erreicht. „

Die Schweizer Ökonomin Mascha Madörin kommt so zum Schluss, dass „Buurtzorg wirtschaftlicher (ist) als eine Pflege, die nach Leistungs- und festen Zeitbudgetprinzipien (…) organisiert ist, (…) weil die Logik der Pflege und ihre Arbeitsprozesse adäquat berücksichtigt werden, das heißt, die Arbeit und die Arbeitsteilung im Sinne der Pflege organisiert sind.“

Die Zusammenarbeit spiegelt sich auch bei dem Thema Dokumentation wieder. Denn hier wird Digitalisierung groß geschrieben. Es wird per Tablet am Kliienten / Kunden direkt dokumentiert und das „Buurtzorgweb“ verwendet. In dem Dokumentationssystem werden nicht nur Pflegeplanungen erstellt, um alle Pflegekräfte über die aktuellen Wünsche, Bedürfnisse und pflegerischen Tätigkeiten zu informieren. Das Dokumentationssystem sieht vor, dass es auch als Austauschplattform verwendet wird. So werden beispielsweise tagesaktuelle Symptome an den Arzt versendet, der zeitnah darauf reagieren kann durch beispielsweise das Verordnen von einem Medikament, das wiederum an die Apotheke versendet wird und dies zeitnah liefern kann.

Der erste Versuch hat begonnen, das niederländische Pflegemodell Buurtzorg nach Deutschland zu bringen. In der Ärztezeitung wird der Pflegedienst aus Münster vorgestellt. Die Gesundheitswirtschaft Münsterland hat das ganze ins Rollen gebracht, durch eine Anschubfinanzierung und das einwerben von Fördermitteln.

Die Implementierung in das deutsche Gesundheitssystem ist mit einigen Hürden versehen. Es stehen elementare Fragen, wie beispielsweise die Finanzierung und die Abrechnung im Raum. Aber auch die Beschäftigungsart unterscheidet sich. Zur Implementierung benötigt das Modell Pflegekräfte die in Teilzeit arbeiten für die notwendige Flexibilität. Diesbezüglich gibt es in Deutschland gegenläufige Tendenzen. Auch die fehlende Pflegedienstleitung birgt rechtliche Schwierigkeiten. Derzeit haben die Krankenkassen sich auf die Erprobungsphase eingelassen. Die Abrechnung und Darstellung der erbrachten Leistungen erfolgt auf Zeit bzw. eine stundenweise Abrechnung.
Aber auch das passende Personal zu finden, laut dem Geschäftsführer vom Buurtzorg Münster, war zu Beginn nicht ganz einfach. Fähigkeiten, die im ambulanten Dienst unabdingbar sind, wie beispielsweise eigenverantwortliches Handeln durch das Treffen von Entscheidungen in der jeweiligen Situation stehen hier im Vordergrund. Gerade die alteingesessenen Mitarbeiter/innen, fällt es deutlich schwerer Selbständig zu arbeiten bzw. dies wieder anzuwenden, also auch neue Methoden zuzulassen.

Hier finden Sie ein Interview mit der Sander Pflege GmbH, die Buurtzorg bereits umsetzen.

Quelle:

Mascha Madörin, Ökonomisierung des Gesundheitswesens – Erkundungen aus der Sicht der Pflege, ZHAW Department Gesundheit, Institut für Pflege (HG.), Überarbeitete Version Februar 2015, Winterthur (Schweiz):

http://www.buurtzorg-in-deutschland.org/buurtzorg/ (zuletzt aufgerufen am: 30.03.2019 um 18:00 Uhr).

http://www.buurtzorg-in-deutschland.org/buurtzorg/ (zuletzt aufgerufen am: 30.03.2019 um 18:00 Uhr).

Pflegeleitfaden ambulante Pflege

Martina Bliefernich

Über den Autor

Martina Bliefernich
Mein Name ist Martina Bliefernich, als Intensivkrankenschwester und Gesundheitsökonomin befasse ich mich seit 10 Jahren mit pflegerischen Prozessen und habe mich auf die redaktionelle Betreuung von Kommunikationsmitteln rund um die Pflege spezialisiert.
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